Wenn KI Innovationspotenziale erkennt, die noch keiner sieht

Innovation wirkt von außen oft wie Zufall: Eine Idee entsteht, wird verbessert und setzt sich durch. In der Praxis basiert Innovation jedoch häufig darauf, vorhandenes Wissen neu zu kombinieren oder auf Bereiche aufmerksam zu werden, die bisher übersehen wurden. Genau hier kann Künstliche Intelligenz (KI) im Innovationsmanagement helfen: nicht als „Ideenmaschine“, sondern als systematischer Suchscheinwerfer. 

Ein aktuelles Forschungspaper („Translate patent vacancies into human-readable texts: Identifying technology opportunities with text embedding inversion“, erschienen in Advanced Engineering Informatics) geht einer spannenden Frage nach: Kann KI technologische Chancen sichtbar machen, die sich zwar andeuten, aber noch nicht klar benennen lassen? 

Als Datenbasis nutzen die Forschenden Patente. Patentschriften beschreiben konkrete technische Lösungen und zeigen damit, woran weltweit gearbeitet wird. Wenn man viele Patente gemeinsam betrachtet, entsteht eine Art Landkarte: Bereiche mit vielen ähnlichen Patenten stehen für intensive Entwicklung – und Bereiche mit wenigen Patenten wirken wie Lücken. Solche „White Spots“ können darauf hinweisen, dass dort Funktionen, Anwendungen oder Kombinationen noch wenig bearbeitet sind. Bislang lag genau hier die Schwierigkeit: Lücken waren zwar erkennbar, aber inhaltlich schwer zu interpretieren. Man sah „da ist wenig“, wusste aber nicht, was dort fehlen könnte. 

Der im Paper beschriebene KI-Ansatz versucht, diese Lücken verständlich zu machen. Vereinfacht gesagt übersetzt die KI Patenttexte in ein Format, das Ähnlichkeiten zwischen Technologien messbar macht, und erzeugt daraus eine Technologielandkarte. Anschließend sucht sie Bereiche mit geringer Patentdichte und erzeugt für diese Bereiche wieder menschenlesbare Textbeschreibungen. Aus einer leeren Stelle auf der Karte wird so eine plausible Beschreibung möglicher technischer Innovationsrichtungen: Welche Funktionen könnten fehlen? Welche Anwendungen wären denkbar? Welche Kombinationen wirken naheliegend? 

Wichtig ist die Einordnung: Das Ergebnis ist keine fertige Erfindung, sondern eine Ideenskizze. Der Wert liegt darin, Diskussionen zu starten, Suchfelder zu strukturieren und Entwicklungsfragen gezielter zu formulieren. 

Beispiel LiDAR 

Getestet wurde die Methode im Bereich LiDAR (u. a. relevant für autonome Systeme und digitale Vermessung). In die Analyse flossen über 17.000 Patente ein. Die KI identifizierte mehrere Lücken und generierte dazu Beschreibungen möglicher Innovationsrichtungen. Damit wird aus einer statistischen Auffälligkeit ein Text, den Teams lesen, bewerten und weiterentwickeln können

Infobox: KI-gestützte Patentanalyse – was bringt’s KMU konkret?

Wofür nutzbar?

  • Technologietrends und Wettbewerbsaktivitäten früh erkennen (Patentlandschaft „auf einen Blick“)

  • „White Spots“ finden: mögliche Funktions- oder Anwendungslücken als Ideengeber für F&E

  • Suchfelder für Produktentwicklung strukturieren (z. B. Materialien, Verfahren, Baugruppen, Sensorik)

  • Ansatzpunkte für Kooperationen identifizieren (z. B. passende Cluster/Partner im technologischen Umfeld)

Worauf achten?

  • KI liefert Hypothesen/Ideenskizzen/Potenziale – keine fertigen Erfindungen!

  • Ergebnisqualität hängt stark von Datenbasis, Suchraum und Parametern ab – hier ist menschliche Denkarbeit und Expertise gefragt!

  • Für Schutzrechte und Freedom-to-Operate bleibt die juristische Prüfung weiterhin notwendig!

Wenn Sie mehr hierzu erfahren möchten: Der DIH-West Kurs „KI im Innovationsmanagement – Potenziale und Risiken“ (Teil 2) bietet dazu eine praxisorientierte Vertiefung.

Für weitere Informationen und Anmeldung: → KI im Innovationsmanagement – Potenziale und Risiken Teil 2.

Für produzierende KMU ist das vor allem als Impuls interessant: KI kann helfen, Technologiefelder breiter und schneller zu scannen – etwa für F&E-Roadmaps, Funktionsideen, neue Anwendungen oder Kooperationsansätze. Sie ersetzt keine Expertise und keine Schutzrechtsprüfung, kann aber die Sucharbeit deutlich strukturieren und beschleunigen. 

Denn Innovation beginnt oft nicht mit der Lösung, sondern mit einer besseren Sicht auf das, was bisher unbeachtet geblieben ist. 

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